Das allen Gemeinsame - Heraklit Fr 114


Das allen Gemeinsame im allgemeinen Selbstbewußtsein – von Personen

Die vielbedachte und vielbefragte Analogie von Seele und Staatsverfassung in Platons Politeia hat in geistesgeschichtlicher Hinsicht eine ihrer Anregungen von Heraklit erhalten, dessen Bekundungen und Weganzeigen uns leider nur in Fragmenten überliefert sind, zur Zeit Platons aber wie die meisten der eleatischen oder ionischen Philosophieentwürfe noch umfangreich präsent waren.

Als Fragment 114 ist von Heraklit überliefert: Wer da redet mit Einsicht, der muß sich festigen in dem allen Gemeinsamen, wie eine Stadt mit dem Gesetz und noch viel stärker.  

Diels / Kranz weisen in einem erläuternden Einschub ihrer Übertragung darauf hin, daß das Gemeinsame (xynnooi) sich auf das 'mit Einsicht (xyn nooi) im Halbsatz davor bezieht, das sie allerdings mit „dem Verstand“ übersetzen, statt „mit Einsicht“, wie Schadewaldt vorschlägt, dem noein entsprechend .

Im vorangestellten Fragment 113 heißt es: „Gemeinsam (xynón) ist allen das Denken (phronéein).“

Der Zusammenhang von verständigem Denken (phronesis) und einsichtigem Vernehmen (noesis), in den wir uns hier für das allen Gemeinsame gestellt sehen, bezieht die gemeinschaftliche Gesetzgebung der Vielen in einer Polis ein, weist ihr aber im zweiten Satz des Fr 114 als Maß und „nährendem“ Grund die Einheit (henos) des einen göttlichen Gesetzes zu.

Das Bild des die Vernunft in der Gesetzgebung „Nährenden“ erinnert an die Charakterisierung der  Idee des Guten im Gleichnis mit der Sonne, die nicht nur Licht spendet, sondern auch Leben ermöglicht, und als Vermögen des Guten ursprünglich ist für das „geistige Leben“ in Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Als Grund der Vermögen von Einsicht geht die Idee des Guten als Maß ein in die Orientierung der menschlichen Vermögen der Gesetzgebung.

Das Nährende für die Einsichtsvermögen bildet sich als Grund im Maß ihrer Orientierung aus und wird, als Maß im Ursprungsgedenken angenommen werdend, wirksam in der Bildung und Entwicklung dieser Vermögen.

Die Sonne, denke ich, wirst du sagen, verleihe dem Sichtbaren nicht nur das Vermögen, gesehen zu werden, sondern auch das Werden und Wachstum und Nahrung. (509b)

Sokrates untersucht in der Politeia, „auf welche Weise und durch welche Kenntnisse und Fertigkeiten die Retter der Verfassung sich bilden werden“ (502d). Um aber das Maß des Rechten zu erkennen zu geben, sieht er sich gezwungen, jenes Gleichnis mit der Sonne zur Darstellung zu bringen, die das Nachbildverhältnis für die Einsicht der Idee des Vermögens des Guten selbst (als göttlich, wie Helios ja als göttlich galt, 508a) zur Geltung bringt, dem die beiden weiteren, in ihrer Vergleichsart wechselnden Gleichnisse folgen: das Liniengleichnis mit seinen Proportionen von Vermögensverhältnissen zwischen Verstand (dianoia), Vernunft (nous) und Anschauungsbildern, gefolgt vom einen Bildungsgang des Beurteilungs- und Einsichtsverhaltens darstellenden Höhlengleichnis. Ausdrücklich war zuvor auch als Kriterium der eigenen Rede auf das Maß verwiesen worden:

„wenn in dergleichen das Maß auch nur im mindesten hinter dem rechten zurückbleibt, ist es gar nicht mehr angemessen; denn Unvollendetes (atelès) ist nicht das Maß von irgend etwas. (504c)

Die geistigen Vermögen werden aus ursprünglicher Güte in ihrer Bildung und Orientierung durch eine Gabe gespeist, die vom Grund ihres Seinkönnens her das Maß zu vernehmen gibt, was es für Menschen heißt, gute und gerechte Gesetze im Staat als Erhalter und Retter seiner Verfassung geben zu können. In diesem Sinne ist auch die Güte des Demiourgen in der Rede des Timaios über den Ursprung des Wohlgeordneten das Maß für alles ihm ähnlich zu sein Gewordenseinkönnenden. Die Nahrung zur Entwicklung von Vernunftvermögen sind aber die in das Durchdenken und Durchsprechen gegebenen Logoi, die bekundenden Worte und Reden, wie sie als Beispiel für viele weitere Stellen im Gastmahl und zu Beginn des Timaios als ein einander „Bewirten“ gegeben und hörend angenommen werden.

„nähren sich doch alle menschlichen  Gesetze von dem einen, göttlichen; denn dieses gebietet, soweit es nur will, und reicht aus für alle und ist sogar noch darüber (perigínetai).“ (Fr 114)

Auch hierbei dürfen wir an das „wunderbare Übertreffen“ denken, das Sokrates durch seine Schilderung im Sonnengleichnisses hervorruft, daß das Gute selbst nicht anwesend seiend sei (ouk ousías ontos toû agathoû), sondern noch über das Anwesendsein (tes  ousías) an Würde (presbeia – königliche Leitungsverantwortung) und Vermögen hinausragt. (509b)

Das Gute selbst bildet also kein umgrenzbares Gebiet unter dem Seienden aus, sondern ist als maßgebender Grund ursprünglich für alle Erkenntnis von Seiendem als wahr, schön oder gerecht, und kann als es selbst nicht gehalten, nicht gehabt (échon) und als ursprünglich nicht gesetzt werden. Als Grund und Maß ist es aber auch nicht apeiron, sondern in der Unsetzbarkeit nur zu wahren in Einheit mit dem Schönen, das ja nicht ohne Maß ist; und diese Einheit setzt das Entsprechungsverhältnis „in Wort und Bild“ für die Bildungen aus seinem Vermögen voraus. Die Güte des Ursprungs wird allein durch das Werk einsichtig, das sie zum Grund und Maß hat und – in Gedächtnisbildern der Vernunftbegriffe – erhalten kann, erinnernd, daß sie sich dem rückhaltlos Gütigen als Grundhaltung verdankt. Die Timaiosrede ist als die ursprungsverwandte eikos logos Darstellung die präzise Erfüllung des in 506e von Sokrates in der Politeia noch Ausgesparten:

„was das Gute selbst ist, wollen wir für jetzt doch lassen; denn es scheint mir für unsern jetzigen Anlauf viel zu weit, (...) Was mir aber als ein Sprößling, und zwar als ein sehr ähnlicher des Guten erscheint, will ich euch sagen“.

Für den Verstand kann nun eingesehen werden: richtete er sich direkt auf es als wäre es gegeben, dann verfehlte er das Ursprüngliche des Guten als es selbst, nähme es nicht als Maß in Achtung des „nährend“ ermöglichenden Grundes auf. Im Vergleich mit dem ihm sonst erkennbar werdenden Seienden erhält das Gute selbst als Idee einen das Denken irritierenden Anteil an Nichtseiendem. Darum ist ihm nicht anders zu helfen als durch die Bildgabe im Gleichnis, die ihn in die Bildungsentsprechung verhält und keine theoretische Alternative für eine von ihm erwartete Erklärung und Bestimmung, was das Gute selbst sei, gegeben werden kann und geben zu können versprochen werden darf, wie dies die sich dafür anbietenden Lehrer der Weisheit, die Sophisten, bekundeten und die sokratische Widerlegung (elenkchos) herausforderten.

Die Gleichnisse weisen so das Denken selbst in eine Wendung zu einem das Maß in Entsprechung annehmenden Verhalten, das das einer mit Urteilskraft als Vermögen des Angemessenen vernehmenden, Verantwortung für die Führung von Gemeinschaft durch Gesetzgebung tragenden Vernunft muß sein können. Erst dann wird das Gemeinschaftliche begreiflich, das die Analogie von Seelen- und Staatsverfassung ermöglicht: die Gerechtigkeitsverantwortung der Vernunft gemäß der Güte, daß ein jede das Sein wohlgeordnet zu tun vermöge.

Die Teilhabe an Überseiendem für die Achtung der Würde der Idee des Guten hat aber für die Begriffserkenntnis von Ideen als Vermögen zur Folge, daß das Ursprungsverhältnis zur Ermöglichung vernünftiger Orientierung in wahrheitsfähigem Erkennen und gerechter Gesetzgebung nicht durch eine Seinshierarchie zwischen Gutem, Gerechtem und Wahrem selbst angegeben werden kann, vielmehr für die Annahme des gemeinschaftlich Gründenden in Vernunfteinsicht eine Würdeordnung das Maß der Gemäßheit eines jeden – als Idee – zugrundezulegen und in Entsprechung darzustellen ist.

Es kann darum nur eine Ordnung angegeben werden, die jene Grund- und Maßverhältnisse so zu erkennen gibt, daß dieses Erkennen sich selbst als ein Annehmen ursprünglicher Bestimmungsgründe begreift und jedem der Vermögen im Begriff seiner Idee einen Ort der Achtung und Würdigung genau darin gibt, was es als es selbst sein kann, da es das vermag, als was es als es selbst bestimmt ist und sich identitätswahrend zu begreifen gibt. Wir haben es also statt einer Seinsordnung eher mit einer Begriffsordnung zu tun, allerdings nicht als die durch Verstandesbegriffe erzeugte, sondern als mit den Vermögen selbst entsprungenen Begriff ihrer Ideen im Bewußtsein ihres rechten sich Verhaltens und verhalten können Sollens.

Das Gute selbst kann als ursprünglich nur angenommen werden - und der Begriffsort bedeutet die Angenommenheit (also analog zur Gegebenheit in Erscheinung für das Bewußtsein von ihm als selbst da seiend: als Verhaltensmaß, d.h. im Selbstbewußtsein) -, wenn es genau in dieser Gabebestimmung begriffen und zu denken gehalten wird, in der es das Seine genauso tut, wie jedes andere teilhabende am Seinkönnen, das das Gute für sich gedacht, gerade nicht hätte: denn es kann nicht für sich jenseits des Anwesendseins von Schönem, Wahrem und Gerechtem selbst als es selbst sein.

Wenn keine Seinsordnung, dann kann nur eine Ordnung aus Begriffen von Vermögen als Ideen in Gemeinschaft von Ideen grundlegend für das sich festigende Denken als das allen Personen Gemeinsame angenommen sein.

Darum zeigt sich die Güte des Guten in der Ursprünglichkeit seines Vermögens als Vermögen ermöglichend zugleich als bedingt in seiner Grund- und Maßgabe durch die annehmenden Verhaltensweisen, ohne die nichts Gutes in die Anwesenheit kommt.

„Darum ist es Pflicht (dei), dem Gemeinsamen (koinooi) zu folgen. Obwohl der Logos ihnen gemeinsam seiend ist, leben die Vielen als hätten sie je eigenes (idían - privativ) Denken.“ Heraklit Fr 2


2. Das Unsetzbare (anhypotheton) und die kritische Unterscheidung der Ideenannahme zum „Denken des Einen“


3. Das ursprüngliche als das allgemeine Selbstbewußtsein und die Ideen der teilhabenden Vermögen


Das Gemeinsame als Denken gibt uns nun die Möglichkeit, einen großen Bogen zur ursprünglichen Identität des Selbstbewußtseins zu schlagen, in dem das Vermögen des Denkens als ein Selbiges für das Bewußtsein, daß ich denke, wie es alle meine Vorstellungen muß begleiten können, angenommen ist, wie es für einen jeden angenommen wird, der sich dessen bewußt ist, daß er selbst denkt, wenn er sich irgendetwas vorstellt.